Redekiste
Die Redekiste ist ein Automat für die Parkbank: Auf Knopfdruck druckt sie kleine Impulse auf Thermopapier, die Gespräche zwischen Fremden anstoßen oder zur Selbstreflexion einladen.
Ausgangslage
Nebeneinanderher statt miteinander.
Im öffentlichen Raum gehen Menschen nebeneinanderher. Sie haben vielleicht ähnliche Wege und ähnliche Gedanken, erfahren das aber nicht voneinander. Viele vermeiden Interaktionen mit anderen nach Möglichkeit, weil sie die Sorge umtreibt, andere zu stören.
Die Redekiste soll auflockern und einladen. Sie bietet den Gesprächseinstieg: ein blinkendes Objekt, das Neugier weckt und im Laufe des Gesprächs hoffentlich fast schon vergessen wird.
Vorstudie: Gästebuch einer Bank
Erst auf Papier testen, dann bauen.
Am Anfang stand eine schnelle, einfache Intervention zum Moment „Reden“ mit dem Element „Bank“: ein neongrünes Gästebuch, mit einer Fahrradkette an einer Parkbank befestigt. Kleine Aufgaben, Fragen, Witze zum Abreißen und Platz für Botschaften an die nächste Person sollten zu Gesprächen anregen, mit sich selbst, zu zweit oder mit den nächsten Besucher:innen der Bank.
Zuerst lag das Buch etwa eine Stunde auf der Prager Straße. Dort war die Bank aber schon gut besucht, meist von kleinen Gruppen, die in eigene Gespräche vertieft waren. Einen echten Mehrwert hatte die Intervention hier nicht. Danach lag das Buch 24 Stunden in Pesterwitz, wo häufiger Menschen allein auf den Bänken sitzen, in der Mittagspause oder mit einem Eis.
Niemand hat etwas Unfreundliches hineingeschrieben, und selbst der Stift war hinterher noch da. Gleichzeitig ist nicht allzu viel passiert. Eine Überlegung aus der Reflexion: Vielleicht schreiben Menschen nicht gern als Erste etwas hinein, und ein Abreißblock wäre noch niederschwelliger. Genau daran knüpft die Redekiste an: Niemand muss schreiben, ein Knopfdruck genügt, und der Zettel darf mit. Einige Aufgaben aus dem Gästebuch stehen heute auf ihren Zetteln.
Die vollständige Dokumentation mit allen Seiten vor und nach der Intervention liegt auf Are.na.
Konzept
Zwei Knöpfe, ein Zettel, ein Gesprächsanfang.
Die Nutzer:innen wählen per Taster, ob sie allein, zu zweit oder in der Gruppe sind und in welcher Stimmung sie sich befinden: verliebt, verspielt, grübelnd oder neugierig. Passend zu dieser Auswahl gibt der Automat eine Gesprächsanregung oder Denkaufgabe auf Thermopapier aus.
Die Inhalte sind niederschwellig, offen interpretierbar und mal humorvoll, mal tiefgehend. Ziel ist es, Kommunikation zu fördern und Resonanz zu ermöglichen, zwischen Menschen, aber auch zwischen Individuum und Umgebung.
Klick-Dummy
Der digitale Prototyp zum Selbst-Ausprobieren.
Der Klick-Dummy zeigt eine Zwischenvariante des Gehäuses, bevor die Entscheidung für den Waschmaschinen-Look fiel.
Wähle eine Personenanzahl und eine Stimmung, dann druckt die Redekiste einen Gesprächszettel aus. Ein Klick auf den Zettel reißt ihn ab.
Im finalen Look
Dieselbe Bedienung mit dem grünen Gehäuse: Die Knöpfe reagieren schon beim Drüberfahren, und der Zettel schiebt sich aus dem Schlitz.
Verortung
Dort, wo Gespräche entstehen können.
Die Redekiste wird fest an der Rückenlehne einer Parkbank montiert. So wird sie Teil der Sitzgelegenheit selbst und lädt Passant:innen ein, sich niederzulassen, zu verweilen und in Resonanz zu treten.
Dabei ist sie mobil gedacht: Sie kann auf unterschiedlichen Bänken im Stadtraum installiert werden, mal inmitten eines belebten Platzes, mal am ruhigen Elbuferweg, mal im Schatten eines alten Baums. Je nach Standort verändern sich ihr soziales Umfeld, ihr Publikum und ihre Wirkung.
Gestaltung
Eine kleine Waschmaschine für Gedanken.
Die äußere Form der Redekiste erinnert an eine kleine Waschmaschine. Die Analogie ist in erster Linie humorvoll gemeint: Sie zieht Blicke auf sich, erzeugt Vertrautheit und macht neugierig.
Wer einer Waschmaschine zusieht, dem wirbeln die Gedanken mit der Wäsche. Auch in der Redekiste wird etwas in Bewegung gebracht, nur sind es keine Textilien, sondern Denkprozesse, Gespräche und neue Perspektiven. Der Druck auf den Knopf setzt einen kleinen Kreislauf in Gang, der die Gedanken einmal durchspült.
Die Farbe ist bewusst laut: Um Aufmerksamkeit zu erregen, hat sich der Studienjahrgang gemeinsam auf dieses grelle Neongrün geeinigt. Es zog sich schon durch das Gästebuch der Vorstudie.
Die Gestaltung zitiert bewusst ein Alltagsobjekt, das für Transformation und wiederkehrende Routinen steht, und bricht diese Routinen zugleich auf. So wird die Redekiste zu einem stillen, charmanten Störer im Stadtbild.
Technik
Offline, mit Akku, auf das Nötigste reduziert.
Im Inneren der Redekiste stecken ein Thermodrucker mit Akku, ein Raspberry Pi Zero, sieben beleuchtete Taster, Widerstände und jede Menge Kabel. Der Raspberry Pi arbeitet komplett offline: Ein Python-Skript erkennt, welche Taster gedrückt wurden, lässt die zugehörigen LEDs leuchten und schickt den passenden Inhalt per USB an den Drucker. Solange niemand die Kiste benutzt, blinken die Taster nacheinander auf, um Aufmerksamkeit zu wecken.
Der Code ist offen auf GitHub verfügbar.
Nachbauanleitung zum Mitnehmen
Zur fertigen Redekiste gab es eine knappe Bauanleitung, die sich Besucher:innen gratis mitnehmen konnten. Sie führt vom Einrichten des Raspberry Pi über die Verkabelung der LED-Taster bis zum Anschluss des Thermodruckers, damit sich jede:r eine eigene Redekiste bauen kann.
Präsentation
Die Redekiste vor Publikum.
Ausblick
Mehr Varianz, mehr Überraschung.
Aktuell ist für jede Tastenkombination genau ein Text hinterlegt. Künftig sollen es pro Kombination mehrere Inhalte sein, aus denen per Zufall einer ausgewählt wird. So bleibt die Redekiste auch beim zweiten und dritten Besuch überraschend.